Faszienarbeit & Beckenboden – unterschätzte Gamechanger

Faszienarbeit & Beckenboden – unterschätzte Gamechanger

Wenn sich der Körper in der Perimenopause verändert, richten sich viele Blicke zunächst auf den Hormonhaushalt. Das ist verständlich. Schließlich beeinflussen Östrogen und Progesteron zahlreiche Prozesse im Körper. Doch nicht jede Verspannung, jeder Schmerz und jedes unangenehme Körpergefühl lässt sich allein durch Hormone erklären.

Der Rücken wird empfindlicher. Die Hüften fühlen sich steifer an. Der Beckenboden reagiert plötzlich anders. Manche Frauen bemerken ein Druckgefühl, Schmerzen beim Sex oder eine neue Form von Verspannung, die sich schwer beschreiben lässt. Oft entsteht dabei das Gefühl, der Körper sei plötzlich weniger belastbar geworden. Doch manchmal braucht er nicht mehr Leistung oder mehr Disziplin. Sondern mehr Aufmerksamkeit.

Der Körper speichert mehr, als wir wahrnehmen

Faszien umhüllen Muskeln, Organe, Nerven und Gelenke. Sie verbinden verschiedene Bereiche des Körpers miteinander und reagieren auf Bewegung, Belastung, Stress und Inaktivität. Lange Zeit wurden sie in der Medizin kaum beachtet. Heute wissen wir, dass das fasziale Gewebe deutlich aktiver ist als früher angenommen.

Es ist reich an Nervenenden, reagiert auf mechanische Reize und scheint eine wichtige Rolle für Beweglichkeit, Körperwahrnehmung und Schmerzempfinden zu spielen. Stress, Bewegungsmangel, Verletzungen oder einseitige Belastungen können dazu beitragen, dass Gewebe weniger beweglich wird und sich Spannungen entwickeln.

Gerade in der Lebensmitte kommen häufig mehrere Faktoren zusammen: hormonelle Veränderungen, schlechterer Schlaf, mehr Stress und ein Alltag, in dem die eigenen Bedürfnisse oft wenig Raum bekommen.

Der Beckenboden verändert sich ebenfalls

Der Beckenboden ist eine Muskelgruppe, über die viele Frauen erst sprechen, wenn Beschwerden auftreten. Dabei begleitet er uns durch das gesamte Leben. Schwangerschaften, Geburten, hormonelle Veränderungen und das Älterwerden können Einfluss auf seine Funktion haben. Manche Frauen bemerken eine Schwäche oder Inkontinenz. Andere erleben genau das Gegenteil: einen dauerhaft angespannten Beckenboden. Auch Schmerzen beim Sex, ein Druckgefühl oder Beschwerden im unteren Rücken können damit zusammenhängen.

Besonders wichtig ist dabei eine Erkenntnis: Ein Beckenboden ist nicht nur entweder „zu schwach“ oder „zu stark“. Er kann auch überlastet, verspannt oder schlecht koordiniert sein.


Anspannung ist nicht immer sichtbar

Viele Menschen denken bei Verspannungen an Nacken oder Schultern.
Doch auch Beckenboden und Faszien reagieren auf Stress.

Ein Nervensystem, das dauerhaft unter Spannung steht, kann Muskeltonus verändern. Der Körper hält fest, schützt sich oder reagiert empfindlicher auf Belastung.

Manchmal zeigt sich das als Rückenschmerz. Manchmal als Enge im Becken. Manchmal durch Beschwerden beim Sex oder das Gefühl, ständig angespannt zu sein. Das bedeutet nicht, dass die Beschwerden „psychisch“ sind. Sie sind real. Aber sie entstehen häufig im Zusammenspiel von Gewebe, Nervensystem, Belastung und Bewegung.


Warum Faszienarbeit vielen Frauen guttut

Faszienarbeit umfasst unterschiedliche Methoden:

  • Faszienrollen
  • Bälle
  • Dehnungen
  • Mobilisation
  • sanfte Bewegungsformen
  • gezielte Körperarbeit

Die wissenschaftliche Datenlage entwickelt sich noch, doch Studien zeigen Hinweise auf Verbesserungen bei Beweglichkeit, Schmerzempfinden und Körperwahrnehmung.

Viele Frauen berichten darüber hinaus von etwas, das sich schwer messen lässt: Sie fühlen sich beweglicher. Freier. Weniger festgehalten im eigenen Körper.


Der Beckenboden braucht mehr als nur Anspannen

Lange Zeit bestand die Empfehlung vor allem darin, den Beckenboden zu kräftigen. Heute wissen wir, dass Entspannung und Wahrnehmung genauso wichtig sein können. Ein gesunder Beckenboden sollte:

  • anspannen können,
  • loslassen können,
  • auf Belastung reagieren,
  • mit Atmung und Rumpf zusammenarbeiten.

Gerade Frauen mit Schmerzen, Druckgefühl oder Verspannungen profitieren häufig nicht von noch mehr Spannung, sondern zunächst von mehr Wahrnehmung und Entlastung.

Wann Unterstützung sinnvoll ist

Beschwerden im Beckenbereich müssen nicht einfach akzeptiert werden. Physiotherapeut*innen mit Schwerpunkt Beckenboden, spezialisierte Gynäkolog*innen oder Osteopath*innen können helfen, Beschwerden einzuordnen und gezielt zu behandeln.

Auch bei:

  • Schmerzen beim Sex
  • Inkontinenz
  • Druckgefühl
  • chronischen Rückenschmerzen
  • Verspannungen
  • Beschwerden nach Geburten

kann eine Abklärung sinnvoll sein. Der Körper muss diese Beschwerden nicht einfach aushalten.


Vielleicht geht es nicht darum, den Körper stärker zu machen

Gerade leistungsorientierte Frauen reagieren auf Beschwerden häufig mit mehr Training, mehr Übungen oder mehr Disziplin.

Doch manchmal braucht der Körper etwas anderes.

Mehr Beweglichkeit.

Mehr Wahrnehmung.

Mehr Loslassen.

Faszienarbeit und Beckenbodentraining sind deshalb nicht nur Werkzeuge gegen Beschwerden. Sie können auch helfen, wieder Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln. Und manchmal ist genau das der eigentliche Gamechanger.

Quellen

  • Schleip R et al. Fascia as an organ of communication. Journal of Bodywork and Movement Therapies.
  • Wilke J et al. Effects of self-myofascial release on range of motion and recovery. Sports Medicine (2020)
  • Bø K et al. Evidence-based physical therapy for the pelvic floor. Elsevier.
  • International Urogynecological Association
  • International Continence Society

Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bitte wende dich bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden immer an eine qualifizierte medizinische Fachperson.

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