Warum Ärzte die Perimenopause oft übersehen

Warum Ärzte die Perimenopause oft übersehen

"Das ist wahrscheinlich Stress."

"Dafür sind Sie noch zu jung."

"Ihre Blutwerte sind normal."

Viele Frauen in der Perimenopause haben mindestens einen dieser Sätze schon einmal gehört.

Das bedeutet nicht, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen nicht ernst nehmen. Vielmehr ist die Perimenopause eine komplexe Lebensphase, deren Symptome sehr unterschiedlich sein können und sich häufig nicht eindeutig durch Laborwerte nachweisen lassen.

Hinzu kommt: Viele Beschwerden ähneln anderen Erkrankungen – und genau deshalb wird der hormonelle Zusammenhang oft erst spät erkannt.

Die Perimenopause hat kein eindeutiges Leitsymptom

Bei vielen Erkrankungen gibt es typische Beschwerden, die schnell an eine bestimmte Diagnose denken lassen.

Die Perimenopause funktioniert anders.

Während manche Frauen unter Hitzewallungen leiden, bemerken andere zunächst Schlafstörungen, Brain Fog, Angst, Herzrasen, Gelenkschmerzen oder eine zunehmende Erschöpfung. Wieder andere berichten vor allem über ein stärkeres PMS oder Veränderungen ihres Zyklus.

Diese Vielfalt macht die Einordnung schwierig – sowohl für Betroffene als auch für Ärztinnen und Ärzte.

Viele Symptome sehen zunächst nach etwas anderem aus

Schlechter Schlaf wird häufig als Folge von Stress eingeordnet.

Herzrasen führt nicht selten zunächst zur Kardiologie.

Gelenkschmerzen landen bei der Orthopädie oder Rheumatologie.

Bei Angst, Erschöpfung oder Konzentrationsproblemen denken viele zunächst an Burnout, Depression, ADHS oder eine Schilddrüsenerkrankung.

All diese Diagnosen können berechtigt sein und sollten sorgfältig abgeklärt werden. Gleichzeitig wird die Perimenopause dabei häufig gar nicht erst mitgedacht.

Warum wird die Perimenopause so häufig übersehen?

Die kurze Antwort: Weil sie komplex ist.

Die Perimenopause kann sich über mehrere Jahre erstrecken und mehr als 30 verschiedene Symptome verursachen. Viele davon – etwa Schlafstörungen, Erschöpfung, Konzentrationsprobleme oder Stimmungsschwankungen – sind unspezifisch und können zahlreiche andere Ursachen haben.

Hinzu kommt, dass die Wechseljahre lange Zeit nur einen vergleichsweise kleinen Stellenwert in Forschung, medizinischer Ausbildung und Versorgung hatten. Erst in den vergangenen Jahren hat das Thema deutlich mehr Aufmerksamkeit erhalten. Viele Ärztinnen und Ärzte bilden sich heute gezielt fort, gleichzeitig unterscheiden sich Wissen und Erfahrung – auch innerhalb der Gynäkologie – noch erheblich.

Das bedeutet nicht, dass deine Beschwerden nicht ernst genommen werden. Es bedeutet vielmehr, dass die Perimenopause bis heute häufig nicht als erste mögliche Erklärung in Betracht gezogen wird.

Auch Gynäkologinnen und Gynäkologen haben unterschiedliche Schwerpunkte

Viele Frauen gehen davon aus, dass jede gynäkologische Praxis automatisch auf die Perimenopause spezialisiert ist.

Tatsächlich umfasst die Frauenheilkunde ein sehr breites Fachgebiet: Schwangerschaft und Geburtshilfe, Kinderwunsch, Verhütung, Endometriose, gynäkologische Operationen, Krebsfrüherkennung und viele weitere Themen gehören ebenso dazu wie die Wechseljahre.

Die Perimenopause ist dabei nur ein Teilbereich. Wie intensiv sich Ärztinnen und Ärzte mit diesem Thema beschäftigen, hängt unter anderem von ihrer Weiterbildung, ihrem Interesse und ihrem Praxisalltag ab.

Deshalb kann es vorkommen, dass zwei Gynäkologinnen oder Gynäkologen dieselben Beschwerden unterschiedlich einordnen. Wenn du das Gefühl hast, dass deine Symptome nicht ausreichend erklärt werden oder du dich mit deinen Fragen nicht ernst genommen fühlst, kann es sinnvoll sein, eine zweite Meinung einzuholen oder gezielt nach einer Praxis mit Schwerpunkt Wechseljahre oder Menopause zu suchen.

Das ist kein Zeichen von Misstrauen – sondern ein ganz normaler Teil einer guten medizinischen Versorgung.

Ein normaler Bluttest schließt die Perimenopause nicht aus

Viele Frauen erwarten, dass ein Hormonstatus schnell Klarheit schafft.

In der Perimenopause ist das jedoch häufig nicht möglich.

Östrogen- und Progesteronspiegel schwanken teilweise erheblich – von Zyklus zu Zyklus und sogar innerhalb weniger Tage. Eine einzelne Blutabnahme bildet diese Dynamik deshalb oft nicht zuverlässig ab.

Internationale Leitlinien empfehlen daher, die Diagnose vor allem anhand der Beschwerden, des Alters und möglicher Zyklusveränderungen zu stellen – nicht allein anhand eines Laborwertes.

Die Beschwerden werden oft einzeln betrachtet

Ein weiterer Grund, warum die Perimenopause übersehen wird: Viele Frauen stellen ihre Beschwerden nicht als Gesamtbild vor – häufig auch, weil sie selbst zunächst keinen Zusammenhang erkennen.

Vielleicht sprichst du heute über deine Schlafprobleme.

Beim nächsten Termin geht es um Herzrasen.

Einige Monate später um Gelenkschmerzen oder Brain Fog.

Vielleicht erwähnst du deine stärkeren PMS-Beschwerden gar nicht, weil sie dir im Vergleich zu den anderen Symptomen unwichtig erscheinen.

Werden diese Beschwerden einzeln betrachtet, fällt der gemeinsame Zusammenhang oft nicht auf. Erst wenn das Gesamtbild sichtbar wird, ergibt sich häufig ein klareres Bild.

Deshalb ist Symptom-Tracking so wertvoll

Die Perimenopause entwickelt sich selten von heute auf morgen. Viele Symptome verändern sich schleichend und treten nicht jeden Tag gleich stark auf.

Ein regelmäßiges Symptom-Tracking kann helfen, Muster zu erkennen – etwa Zusammenhänge zwischen Zyklus, Schlaf, Stimmung, Energie oder körperlichen Beschwerden.

Über mehrere Wochen oder Monate entsteht so ein deutlich vollständigeres Bild, das dir helfen kann, deine Symptome besser zu verstehen. Gleichzeitig erleichtert es auch das Gespräch mit deiner Ärztin oder deinem Arzt, weil Veränderungen nicht nur aus der Erinnerung geschildert werden müssen.

Was kannst du beim Arzttermin ansprechen?

Je vollständiger das Bild ist, desto leichter lassen sich mögliche Zusammenhänge erkennen. Hilfreich kann es sein, nicht nur einzelne Beschwerden anzusprechen, sondern auch Veränderungen, die dir insgesamt aufgefallen sind.

Zum Beispiel:

  • Hat sich dein Zyklus verändert?
  • Seit wann bestehen deine Beschwerden?
  • Welche Symptome treten gleichzeitig auf?
  • Gibt es Zusammenhänge mit bestimmten Zyklusphasen?
  • Wie stark beeinträchtigen die Beschwerden deinen Alltag, deinen Schlaf oder deine Lebensqualität?

Diese Informationen können deiner Ärztin oder deinem Arzt helfen, deine Beschwerden im Gesamtkontext einzuordnen.
Wenn du ein paar Zyklen mit Aeya trackst, kannst du hier deiner Ärzt*in auch einen guten Überblick verschaffen und auch Muster aufzeigen. Das kann die Suche nach der richtigen Behandlung enorm erleichtern.

Was du aus diesem Artikel mitnehmen kannst

Die Perimenopause wird nicht deshalb häufig übersehen, weil Ärztinnen und Ärzte ihre Patientinnen nicht ernst nehmen. Vielmehr treffen eine komplexe hormonelle Lebensphase, unspezifische Symptome und ein medizinisches Fachgebiet aufeinander, das lange zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hat.

Umso wichtiger ist es, Beschwerden im Zusammenhang zu betrachten und Veränderungen über einen längeren Zeitraum zu beobachten. Denn oft ergibt erst das Gesamtbild eine schlüssige Erklärung.

Quellen

  • NICE Guideline NG23. Menopause: diagnosis and management.
  • The Menopause Society. The Menopause Guidebook sowie aktuelle Positionspapiere zur Diagnostik und Versorgung der Perimenopause.
  • International Menopause Society. Empfehlungen zur Diagnose und Behandlung der Perimenopause.
  • Deutsche Menopause Gesellschaft. Leitlinien und Informationen zur Diagnostik klimakterischer Beschwerden.
  • American College of Obstetricians and Gynecologists (ACOG). Perimenopause and Menopause – Patient Education.
  • Royal College of Obstetricians and Gynaecologists (RCOG). Empfehlungen zur Versorgung von Frauen in der Perimenopause.

Dieser Artikel dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und ersetzt keine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung. Bitte wende dich bei gesundheitlichen Fragen oder Beschwerden immer an eine qualifizierte medizinische Fachperson.

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